Hanse- und Leineweberstadt Bielefeld

Die Hagenhöfe

Als die Grafen von Calvelage, die um Vechta und Bersenbrück begütert waren, um 1100 Gebiete im Teutoburger Wald nordwestlich von Halle erworben und die Burg Ravensberg errichtet hatten, verlegten sie um 1140 ihren Hauptsitz auf die neue Burg und nannten sich fortan Grafen von Ravensberg. Durch so genannte Hagengründungen erweiterten sie ihr Territorium.

Hag bedeutet in der mittelhochdeutschen Sprache Dorf. Häger waren demnach bewaldete Siedlungsgebiete, die Bauern in gleich großen Stücken zur Rodung überlassen wurden und auf denen sie fortan unter besonderen Privilegien freiheitliche Rechte besaßen, das so genannte Hagenrecht. So künden noch heute viel Orte mit der Vor- oder Nachsilbe -hagen, z.B. Steinhagen, Brockhagen, = gräflicher Hagen, etc. aus dieser Zeit.

Rathaus
Rathaus

Bielefeld

Im Jahr 1214 gegründet Graf Hermann von Ravensberg ("Bilivelde").

Hermann von Ravensberg plante Bielefeld als Kaufmannsstadt. Die Stadtneugründung sollte dazu beitragen, die Wirtschafts- und Finanzkraft des Grafen zu steigern. Zahlreiche Kaufleute aus der Umgebung und aus dem benachbarten Münster nutzten die ihnen vom Landesherrn in der neuen Stadt gebotenen Freiheiten und bestimmten seit dem 13. Jahrhundert die Entwicklung Bielefelds.
Durch die von Handwerkern und Kaufleuten bewohnte Siedlung zogen sich mehrere wichtige Handelswege, wie zum Beispiel der Hellweg von Soest über Paderborn nach Höxter bis nach Goslar und Braunschweig oder der Handelsweg von Köln über Dortmund, Münster, Osnabrück nach Bremen und Lübeck sowie eine wichtige Strecke von Münster über Greffen, Brockhagen, Steinhagen nach Herford, Minden und von dort weiter nach Osten mit weiteren Querverbindungen nach Detmold und Hameln bzw. Lippstadt und Wiedenbrück.

Stadtansicht um 1830
Stadtansicht um 1830

Bielefeld und das münsterische Stadtrecht.

Im Frühjahr 1214 verhängte der Erzbischof Siegfried III. von Mainz im Auftrage von Papst Innozenz III. über die Stadt Münster das Interdikt. Die Bürger Münsters verloren damit alle religiösen Rechte. Keine gottes-dienstlichen Handlungen, kein Kirchgang, keine Taufe, keine Beichte, keine Hochzeit, kein Begräbnis durfte mehr erfolgen. Das könnte der Ausschlag für die dortigen Kaufleute und Handwerker gewesen sein, ihrer Stadt den Rücken zu kehren und in das nahe Bielefeld zu ziehen.

Um die Stadt nach außen hin zu sichern, hoben die künftigen Stadtbewohner einen Graben aus und schütteten den Aushub zu Wällen auf, die man mit einem Palisadenzaun versah, dessen Holz, wie auch das zum Hausbau, aus den umliegenden Wäldern herangeschafft wurde. Diese Wälder jedoch befanden sich größtenteils im Besitz des Stiftes Schildesche und teilweise auch im Besitz des Stiftes Herford und des Zisterzienserklosters Marienfeld. In der Folgezeit führte die illegale Entnahme zu heftigen Auseinandersetzungen mit den Gefolgsleuten der Stifte und den Bürgern und Bauern der Stadt Herford. 1221 zogen deshalb die Herforder vor die Stadt und zündeten sie an.

Sparrenburg
Sparrenburg

Die Sparrenburg

Die Grafen von Ravensberg machten die Burg zum Verwaltungsmittelpunkt. Sie diente als Sitz des Amtmannes für das Amt Sparrenberg, des Drosten für die Grafschaft Ravensberg und als Wohnsitz des Landesherrn und seines Gefolges. Die Sparrenburg erfüllte außerdem militärische Zwecke. Zum einen sicherte sie den Pass durch den Teutoburger Wald, zum anderen schützte sie die Stadtneugründung Bielefeld. Das Aussehen der mittelalterlichen Burg unterschied sich deutlich vom heutigen Erscheinungsbild. Sie bestand anfangs lediglich aus einer 45 mal 85 Meter großen, rechteckigen Anlage. Durch eine Schildmauer wurde sie in eine Vor- und eine Hauptburg geteilt. Der Turm stand in der Mitte der Schildmauer. Daneben gab es vermutlich Wohngebäude, Lagerräume und Stallungen.

Die Neustadt zwischen Burg und Altstadt

Für den Bau der Sparrenburg brauchte man zahlreiche Handwerker. Ein Großteil von ihnen siedelte sich wahrscheinlich zwischen der Stadt und dem Sparrenberg an. Aus diesen Anfängen entwickelte sich binnen recht kurzer Zeit vor den Toren der Altstadt die Bielefelder Neustadt. Die ungeplant gewachsene Siedlung der Neustadt wird erstmals 1293 im Zusammenhang mit der Errichtung des Marienstifts erwähnt. Dieses Stift entstand an der Neustädter Pfarrkirche. Sie wurde zur Familienkirche des Ravensberger Grafen Otto III. und seiner Gemahlin Hedwig und ihrer Nachfolger umgebaut. Drei Siedlungskerne lassen sich in der Neustadt ausmachen: die Stiftsimmunität, eine Handwerkersiedlung an der Breiten Straße und Adelshöfe um die heutige Kreuzstraße. Eine Mauer gab der Neustadt den nötigen Schutz.

Die Einwohnerzahl beider Städte hat vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit bei etwa 3.000 gelegen. Altstadt und Neustadt waren bis ins 16. Jahrhundert zwei voneinander unabhängige Städte mit eigener Verwaltung. Es gab also zwei Städte "Bielefeld". Sie wuchsen erst allmählich zusammen, bis sie im Jahr 1520 endgültig zu einer Stadt vereinigt wurden.

Leineweber-Denkmal
Leineweber-Denkmal

Hanse und Leineweberstadt 

Mit dem Beitritt zur Hanse Ende des 15. Jahrhunderts entwickelte sich in Bielefeld eine "Leinenstadt". Die Bauern des Ravenberger Landes bauten auf ihren Ackerflächen Flachs an und verarbeiteten ihn in Heimindustrie zu Leinwand. Dieses Leinen wurde in der Legge, einer Art Leinenbörse gesammelt und gehandelt. Sie wurden eingerichtet, um eine gleichmäßige Qualität der auf dem Lande produzierten Leinwand zu gewährleisten und so das Vertrauen in die an dem jeweiligen Handelsplatz angebotene Ware zu stärken. Die zum Verkauf in die Stadt gebrachte Leinwand musste den Leggemeistern auf langen Tischen zur Prüfung von Maß und Qualität vorgelegt werden und bekam nach bestandener Beschau als Prüfnachweis einen Farbstempel. Diese Leg(e)stellen wurden in vielen Fällen zu regelrechten Warenbörsen, weil die zentral an Ort und Stelle zusammengeführte Ware den Handel anzog. Da das Leggensystem zugleich konkurrierenden Handel im Territorium ausschloss (Monopol), kam ihm eine beträchtliche Wirkung für den örtlichen Wohlstand zu. Durch die Zuordnung der zumeist in ländlicher Hausfertigung stattfindenden Leinenproduktion zu städtischen Leggen wurde zugleich die Verbindung Land–Stadt im jeweiligen Gebiet enger geknüpft.

Um 1830 geriet das Bielefelder Leinenhandwerk in eine schwere Krise, da in Irland, England und Belgien mit der Produktion maschinell gewebter Stoffe begonnen wurde. Die wirtschaftliche Not vieler Bielefelder führte zu Unruhen während der Revolution von 1848. Darüber hinaus verließen viele Menschen ihre Heimat und wanderten nach Amerika aus.

Als 1847 die Anbindung an die Cöln-Mindener Eisenbahn fertiggestellt wurde, entwickelten sich alsbald Fabriken. Mit der Ravensberger Spinnerei entstand ein Unternehmen, das sich zur größten Flachsspinnerei Europas entwickelte. Schon im Jahr 1870 war Bielefeld das Zentrum der Textilindustrie in Deutschland.