Urbarmachungsedikt durch König Friedrich II.

Der „Alte Fritz“: Friedrich II. im Alter von 68 Jahren (Gemälde von Anton Graff, 1781)
Der „Alte Fritz“: Friedrich II. im Alter von 68 Jahren (Gemälde von Anton Graff, 1781)

Erlass des preußischen Königs Friedrich II. vom 22. Juli 1765 für Ostfriesland. Das Edikt erklärte Land mit nicht geklärten Besitzrechten, insbesondere die noch nicht urbar gemachten Moorflächen, zum Eigentum des Staates.

Der Erlass bezweckte die Moorkolonisierung, ohne für Verkehrswege, für ausreichende Entwässerung, noch für die Möglichkeit zu Nebenverdienst für die Ansiedler zu sorgen. Im Laufe eines Jahrhunderts wurden in 82 Kolonien etwa 20 000 mittellose Menschen angesiedelt und auf Buchweizenbau in Brennkultur verwies. Missriet dieser, was nach wenigen Jahren des Brennens stets eintritt, so waren die Ansiedler dem Verhungern preisgegeben oder auf Betteln und Stehlen geradezu angewiesen.

Das Urbarmachungsedikt richtete sich auch gegen die eingessenen Bauern, die aufgrund des alten Aufstreckungsrechts aus Sicht Friedrichs zu große Flächen für sich beanspruchten. Er führte zugleich zu Einnahmen für Preußen durch die Erbpacht.

Upstalsboom, älteste bekannte Ansicht von C. B. Meyer (1790)
Upstalsboom, älteste bekannte Ansicht von C. B. Meyer (1790)

die friesischen Freiheit

traf nur auf die besitzende Bauernschicht zu. Die Landarbeiter die zeitlebens beim Bauern arbeiteten, konnten - sobald sie "ihren Mund aufmachten" - gehen. "Gehen" bedeutete gehen und verhungern. In den fruchtbaren Marschgebieten Ostfrieslands hatten sich im 19. Jahrhundert frühkapitalistisch ähnelnde Verhältnisse gebildet. Wenige reiche Bauern geboten über ein Heer besitzloser Landarbeiter.

 

In Rysum, wo ca 800 Einwohner bis Kriegsende wohnten, gab es 13 Bauern, denen etwa 600 Menschen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren.

Nach dem Motto "lever dot at Slav" siedelten sich viele Landarbeiter und Mägde in Moorgegenden wie   z. B. Moordorf bei Aurich oder in Stapelmoorerheide bei Weener an, um dort in Freiheit leben und arbeiten zu können.

Lehmhütte im Moormuseum Moordorf
Lehmhütte im Moormuseum Moordorf

Den ersten Siedlern wurden Grundstücke von 50 Ruten Breite (etwa 188 m) entlang des sogenannten Schwarzen Weges, einem Teilstück der von Aurich nach Norden führenden Heerstraße, zugewiesen. Diese sollten die Neusiedler in Richtung Moor verbreitern. Durchschnittlich waren die Kolonate zwischen 2 und 6 Diemat (etwa zwischen 11.400 und 34.200 m²) groß. Damit waren die Parzellen viel zu klein, um die Siedler zu ernähren. Hinzu kam, dass der unergiebige Boden durch die Moorbrandkultur schnell erschöpft war. So konnte die Erbpacht nicht mehr bezahlt werden. Viele Kolonisten versanken in Armut. Als Hauptursachen des Elends werden die weitgehend planlose Besiedlung ohne staatliche Kontrolle, die viel zu kleinen Kolonate, der Mangel an Infrastrukturmaßnahmen, wie die Anlage von Kanälen im Moor, die fehlende Siedlerauswahl und der unaufhörliche Zustrom mittelloser Siedler genannt.

Dennoch wurde die innere Kolonisation des moorreichen Ostfrieslands im 18./19 Jahrhundert zu einem lohnenden Projekt für Preußen die jährlichen Einnahmen beliefen sich in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts auf stattliche 200.000 Taler bei nur geringen Investitionen. So wurden weiterhin Kolonate in Moordorf ausgewiesen. Dazu kam die wilde Besiedlung und die häufig praktizierte Teilung der ohnehin schon zu kleinen Grundstücke.

Infolge von Geburtenüberschüssen und der nicht nachlassenden Zuwanderung nahm die Bevölkerung schnell sehr stark zu. Moordorf gehörte so zu den bevölkerungsreichsten Moorkolonien in Ostfriesland, war aber gleichzeitig deren ärmste. Bereits 1869 wurden in einer Untersuchung 49 Prozent der Einwohner als arm eingestuft. Durchschnittlich lag diese Zahl in den Moorkolonien bei 8 Prozent.

Auswanderung ins Ungewisse
Auswanderung ins Ungewisse

In Moordorf spitzte sich die soziale Situation weiter zu. Der Ort gehörte zu den kinderreichsten und gleichzeitig ärmsten Dörfern Deutschlands. Die Siedler lebten in armseligen Lehmkaten, die oftmals aus nur zwei Räumen bestanden: einem Wohnraum und einem Stall. In diesen Hütten übernachteten nicht selten drei bis vier Kinder in einem Bett. Die große Armut des Ortes drückte sich auch in der Bekleidung aus, sodass die Moordorfer sofort erkennbar waren. Bis weit in den Herbst liefen die Kinder barfuß herum, und das, obwohl es im Moor wesentlich früher als in anderen Landstrichen friert. An schulische Bildung war bei den meisten Kindern nicht zu denken. Sie mussten schon früh zum Lebensunterhalt der Familien beitragen. Die Jungen und Mädchen landeten vielfach als Knechte oder Mägde beim Bauern, mussten bei den Eltern mitarbeiten oder betteln.

Die große Auswanderungswelle in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfasste auch Moordorf. Mindestens 35 Personen verließen den Ort und suchten ihr Glück in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dass dies nicht immer freiwillig geschah, lässt sich für Moordorf in mindestens einem Fall belegen, in dem eine unerwünschte Person von der Armenverwaltung abgeschoben wurde.