Moorkolonisation im Emsland

Fürstbischöfliches Schloss im westfälischen Münster
Fürstbischöfliches Schloss im westfälischen Münster

Im Sommer des Jahres 1788 verlost die münstersche Regierung unter Fürstbischof Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels Siedlerstellen für acht linksseitig der Ems gelegene Kolonien im Bourtanger Moor. Kurze Zeit darauf werden sechs weitere Kolonien im rechtsemsischen Teil des Moores gegründet. Von diesen vierzehn Kolonien mit ihren insgesamt 441 nur recht unzulänglich ausgepflockten sog. Plaazen (Siedlerstellen) entfallen 92 auf das linksemsische Rütenbrock. Damit nimmt Rütenbrock von Anfang an nicht nur eine gewisse Sonderstellung aufgrund seiner Größe ein, es ist zudem die erste der neu entstandenen Moorkolonien, die, wenn vorerst auch nur provisorisch als Missionsstelle, bereits 1798 zu einer eigenen Pfarrgemeinde erhoben wird.

Vor allem im Westen und Norden des nördlichen Emslandes befinden sich große, zusammenhängende Moorflächen, die zu jener Zeit zu den größten Hochmoorflächen in Mittel- und Westeuropa zählen. Im Norden trennen ausgedehnte Moore das Emsland von den ostfriesischen Flußmarschen.

Heuerlingswesen

Heuerlingsfamile vor dem Heuerhaus  (c) Stadtfotoarchiv Heimatverein Lohn
Heuerlingsfamile vor dem Heuerhaus (c) Stadtfotoarchiv Heimatverein Lohn

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts leben im gesamten Emsland ca. 50.000 Menschen. Aufgrund überkommener landwirtschaftlicher Strukturen und altertümlicher Produktionsformen entspricht die wirtschaftliche Entwicklung in keiner Weise der des Bevölkerungswachstums.

Trotz dünner Besiedlung stellt sich das nördliche Emsland zu diesem Zeitpunkt, gemessen an seinen agrarwirtschaftlichen Ressourcen und angesichts der immer bedrohlicher werdenden ökologischen Situation, bereits als eine überbevölkerte Landschaft dar.

Die besitzslosen Heuerlinge sind innerhalb der unterbäuerlichen Schichten als die am ärgsten betroffene Gruppe des in diesem Gebiet vorherrschenden Anerbenrechtes (Vererbung eines landwirtschaftlichen Anwesens an einen einzigen Erben) anzusehen. Hatte man anfangs noch versucht, den Bevölkerungsüberschuss durch die Bildung neuer kleiner Hofstellen aufzufangen, so ist aufgrund des ohnehin begrenzten Acker- und Weidelandes und der extensiven Wirtschaftsweise eine Einrichtung zusätzlicher Kleinbauernstellen bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts kaum mehr möglich.

Eine Abwanderung der Heuerleute in die drei einzigen umliegenden kleinen Städte Meppen, Haselünne und Lingen ist kaum möglich, da viele der Stadtbewohner selbst in großer Armut leben und deshalb als sog. Ackerbürger Landwirtschaft betreiben.

Wer als besitzloser Heuerling nicht in der Lage ist, das Land zu verlassen, hat kaum eine andere Wahl, als seinen Lebensunterhalt auf einem der ansässigen Bauernhöfe zu verdienen. Dazu muss er ein Pacht- und Arbeitsverhältnis, basierend auf einem Heuerkontrakt, eingehen und sich dazu verpflichten, als Gegenleistung für die Nutzung von Haus, Acker und Garten zum einen eine gewisse Pachtsumme an den verpachtenden Bauern zu zahlen und zum anderen Arbeiten auf dessen Hof zu verrichten.

Bienenzaun mit Bienenkörben
Bienenzaun mit Bienenkörben

Nebenerwerb

Im Zuge dieser Entwicklung gewannen die Bienenzucht, die Herstellung und der Verkauf von Wollprodukten sowie von Wachs und Honig immer mehr an Bedeutung innerhalb der ländlichen Wirtschaft.

Man geht davon aus, daß das Heuerlingswesen im wesentlichen in den ärmeren Gegenden mit besonders ungünstigen Bodenverhältnissen wie beispielsweise in Nordwestdeutschland und im westfälisch-lippischen Raum begründet wurde, während es auf besseren Böden wie beispielsweise in Marsch- und Zuckerrübenanbaugebieten niemals zu dessen Verbreitung kam.

Hollandgänger
Hollandgänger

Hollandgänger

Ein großer Teil der emsländischen Heuerleute kann sich von der gepachteten kleinen Heuerstelle nicht ernähren. Selbst die von vielen Bauern bewilligte Mitbenutzung der Markengründe trägt nicht zu einer Verbesserung ihrer Situation bei. Sie führt letztlich nur zu einer Beschleunigung der ehedem weit fortgeschrittenen Landverödung. Daher entwickeln sich der erwähnte Nebenerwerb sowie die Saisonarbeit in den Niederlanden, die sog. Hollandgängerei, 

Für ein bis drei Monate im Jahr arbeiten zahlreiche der Heuerlinge als Hollandgänger in den benachbarten holländischen Fehnkolonien. Dort verdingen sie sich, nicht selten bis zu sechszehn Stunden am Tag als Grasmäher und Torfgräber. Häufig ermöglicht erst der hart erarbeitete Verdienst dieser Saisonarbeit die Bezahlung der an den Bauern zu entrichtenden Pachtsumme. Ein Prozeß, der sich in den Moorkolonien fortsetzt. Im Jahre 1802 gehen beispielsweise von den 462 Einwohnern Rütenbrocks ca. 20% der Hollandgängerei nach. Das entspricht der Mehrheit der in Rütenbrock lebenden arbeitsfähigen erwachsenen Männern, so dass während ihrer Abwesenheit Frauen und Kinder sämtliche anfallende Arbeiten übernehmen müssen.