Leinengewerbe und -handel in der Grafschaft Ravensberg

In der Grafschaft unternahm man immer wieder Anstrengungen, um die Leinenweberei im eigenen Lande zu steigern. Dazu wurden Ausfuhrverbote für Flachs, Leinengarn und einfache graue Leinwand erlassen, Soldaten, Strafgefangene sowie arbeitslose Maurer und Zimmerleute im Winter zum Spinnen und Weben angehalten.

1708 wurden in der Grafschaft das Weben auf dem Lande freigegeben und die Zahl der Webstühle nicht mehr beschränkt. Gleichzeitig suchte man durch Kleidervorschriften das Tragen von einheimischem Tuch und Leinwand zu fördern.

Gutsherrschaft und "zweite Leibeigenschaft"

Garn- und Leinenhändler waren nach dem Verlagssystem arbeitende städtische Kaufleute; Sie gaben Garn an hausgewerbliche Weber ab, die später ihrem Verleger das fertige Gewebe ablieferten. Entlohnt wurde ihre Arbeitsleistung nach Menge und Qualität des Gewebes.

Regierungsrat Bitter aus Minden berichtete 1853 über die Lage der Spinner

Man trete in die Hütten hinein! In kleinen elenden Gemächern von Rauch geschwärzt, ohne Hausrath und irgend welche Zeichen eines Besitzes, der auf ein mehreres als das bloße nackte Leben hindeutet, erblickt man einen Kreis blasser Menschen, Männer, Frauen, Mädchen, Kinder am Spinnrade sitzen und unverwandt die Fäden von dem Rocken durch die abgemagerten Hände ziehen. Wohl ihnen, wenn das Dach, das sich über ihrer Hütte breitet, sie vor Sturm und Regen schützt, wenn an Fenstern und Wänden, Balken und Simsen nicht wucherische Pilze hervor schießen, ein trauriges Zeichen ungesunder, widriger Feuchtigkeit. Mit kaum befremdetem Blick sehen sie auf die fremden Erscheinungen, die sich durch die enge Thür in den kleinen Raum drängen. Vergebens sucht das Auge während der Mittagszeit nach dem Zeichen des nothdürftigen Mahles, nach einem Brode, nach dem Kartoffelbrei oder nach dem braunen Cichorientrank, dem steten Nahrungsmittel der armen Bevölkerung in überbesetzten Landstrichen. Nur in einem schmutzigen Winkel entdeckt man endlich den bescheidenen Napf, in dem die Reste von Steckrüben oder Wurzeln erkennbar sind.

Zwischen Spinnrad und Haspel aber und zwischen die zerlumpten Jammergestalten hindurch erblickt man die Bibel und das aufgeschlagene Gesangbuch aus dem der hungernde Spinner hin und wieder bei der Arbeit sich Trost und Zuspruch erholt. Unter dem Simsbrett hängen einige Stücken Garn und der karge Vorrath schlecht gereinigten Flachses, den ihnen der Garn-Mäkler leihweise zu hohem Preis aufgedrungen hat. Ein Blick in die Kammer vermehrt die traurige Einsicht in die Lage dieser Unglücklichen. Kein Bett, nur in Bretter eingeschlagen, auf bloßer Erde ein Lager von altem Stroh, Heide und Geisterkraut und Lumpen, ohne Decke, ohne Schutz vor Kälte, die feucht aus der offenen Erde des Bodens aufsteigt. Hie und da fällt der Blick auf bleiche Gestalten, die, in ihre Lumpen gewickelt, vor Fieberfrost und Kälte schauernd, sich in dem schlechten Lager ein Plätzchen der Ruhe gesucht haben, wenn die Kraft ihres geschwächten Körpers zum Spinnen nicht mehr ausreicht.

Fragt man, wodurch diese elende Bevölkerung ihr kümmerliches Dasein fristet, wovon sie sich ernährt, so lautet die Antwort: ‚durch das Spinnrad‘. Fragt man jedoch weiter, was eine solche Familie auf diese Weise verdient, so bleibt die Antwort freilich aus.“

Im Vergleich zu den Spinnern sah es bei der Mehrheit der Weber etwas besser aus. In der praktischen Verkaufsrangfolge stand der Weber zwischen dem Kaufmann und dem Spinner. Der Weber gab daher die durch das neue Maschinengarn verursachten Gewinneinbußen an den Spinner weiter. Nur wenige Heuerlinge konnten sich zudem die kostspieligen Webstühle leisten. Außerdem benötigte man einen gut belichteten Webraum.

1843 genehmigte man auch in Preußen den Import englischer Maschinen. Der Preisverfall für das handgesponnene Garn konnte nicht mehr gestoppt werden. Durch das Überangebot von Maschinengarn drückten die Weber abermals die schon niedrigen Preise. Zum Elend der Heuerlinge, dem Hunger, der Bettelei und dem starken Bevölkerungswachstum gesellten sich noch Mißernten und Krankheiten. In der Revolution von 1848 schlugen die aufgestauten Probleme in Unruhen um.

Die Legge – und Bleich - Ordnung für das Amt Ravensberg.

Kaum hatte Preußen die Landesherrschaft in Ravensberg übernommen, griff es regulierend in das Leinengewerbe ein. 1678 gründete der Große Kurfürst die Legge, die die Qualität und den guten Ruf des Leinens sichern sollte. Zehn Jahre später erließ der Staat zur Regulierung des Leinengewerbes ein bis 1787 mehrfach erneuertes, aber kaum verändertes Kommerzienedikt.

In dem Edikt gab es Vorschriften über die Art, wie Garn zu haspeln sei, ebenso wie zum Leggezwang. Landbewohner durften weder selbst bleichen noch Leinwand in ihren Häusern verkaufen. Der Handel mit feiner Leinwand durfte im Umkreis von einer Meile ohnehin nur in der Stadt erfolgen. Dieses garantierte den innerstädtischen Leinenhändlern quasi ein Monopol, womit im 17. Jahrhundert der Grundstock für die Herausbildung der reichen und einflussreichen Leinenhändlerdynastien gelegt wurde.

Am 19. September 1767 erließ das Generaldirektorium in Berlin eine 32 Paragraphen umfassende Bleichordnung für die Grafschaft Ravensberg. Recht detailliert werden hier die Qualifikation und die Ausbildung der Bleicher geregelt, Vorschriften zur Einrichtung der Bleichanlage erlassen und enge Grenzen bei der Anwendung des Bleichverfahrens gezogen. Ein Ziel der umfangreichen Bleichordnung war es, den ›Ruhm‹ der „Bielefeldschen Linnen-Handlung … dieser der Stadt und dem Lande so sehr interessanten Fabrique“ wiederherzustellen. Deshalb müsse für eine weiße, ›kaufschöne‹, dauerhafte Leinwand gesorgt werd

Das Bleichwesen im Bielefelder Leinengewerbe

Theobald Kade: Korten Bleiche und der Sparrenberg, 1885, Öl auf Leinwand
Theobald Kade: Korten Bleiche und der Sparrenberg, 1885, Öl auf Leinwand

Auf dem Lande, im Rahmen der Hausweberei, bleichte man sein Leinen gewöhnlich selbst. Die Kaufleute hingegen mussten sich für die großen Leinenmengen nach geeigneten Bleichen umsehen.

Der entscheidende Schritt wurde 1768 getan, als die Bielefelder Kaufleute die erste Aktiengesellschaft, sicher eine der ältesten in Westfalen, gründeten, um eine sogenannte holländische Bleiche einzurichten. Der Unterschied zu den herkömmlichen Bleichverfahren lag in der Verwendung besonderer Laugen und Säuerungsmittel […]. Zwar war es auch jetzt noch üblich, das Leinen zum Bleichen auf Rasenflächen auszulegen, doch fand schon eine Reihe von Maschinen Verwendung.

Ein Inventar von 1791 verzeichnet ein rundes Gebäude, in dem ein Pferderundlauf, ein sogenannter Göpel, und das dazugehörige Getriebe installiert waren. Daneben befand sich das Maschinenhaus; es enthielt außer Waschmaschinen und Seifenbänken sechs Waschmaschinen mit je zwei Walkhämmern und einen Kalander, dessen verschiedene Walzen die Appretur besorgten. Mit dieser Bleiche – sie lag im Gelände zwischen der heutigen Heeper und Bleichstraße – machte sich die Kaufmannschaft nicht nur von der teuren Verschickung des Leinens unabhängig, der Gedanke, die Bleiche als Gemeinschaftsunternehmen auf die Basis von Aktien zu gründen, erwies sich auch als besonders zukunftsträchtig für die Bielefelder Wirtschaftsgeschichte.

 

Denkmal eines Bleichers mit Gießlöffel, der Geete, auf dem Gelände der ehemaligen Firma Windel Textil GmbH & Co.
Denkmal eines Bleichers mit Gießlöffel, der Geete, auf dem Gelände der ehemaligen Firma Windel Textil GmbH & Co.

Neben dem Großbetrieb der Holländischen Bleiche entstand eine ganze Anzahl weiterer Bleichen, von denen die meisten im Gadderbaumer Tal lagen. Sie sind die ersten größeren Gewerbebetriebe im Bereich der Stadt Bielefeld gewesen.

1794 wurden 17 Bleichen gezählt; sie beschäftigten zusammen 366 Männer und Frauen. Der Konkurrenzdruck und das Verlangen der Kaufleute nach immer besseren Qualitäten förderte gerade hier den Einsatz technischer Einrichtungen und neuer Verfahren. Er beschleunigte aber auch die Tendenz zum Großbetrieb, so dass gerade auf dem Bleichsektor erste Konzentrationsvorgänge zu beobachten sind.

Im ausgehenden 18. und im beginnenden 19. Jahrhundert verringerte sich die Zahl der Bleichen immer mehr zugunsten weniger großer, weitgehend mit Maschinen ausgestatteter Anlagen. Unter den Gewerbebetrieben wurden die Bleicher kleine Könige, die sich durchaus mit manchem Bielefelder Kaufmann vergleichen durften.  

Die Zentren der Leinenhändler

Leinen- und Garnproduktion Ende des 18. Jahrhunderts
Leinen- und Garnproduktion Ende des 18. Jahrhunderts

Das Gewerbe war vor allem um Bielefeld und Herford angesiedelt. In diesen Stätten saßen die großen Händler und betrieben genossenschaftlich organisierte Bleichen und die Leinenlegge. Hier wurde überprüft, ob die Weber die Produktionsregel befolgten, hier wurden die Aufkäufe getätigt, von denen auswärtige Händler ausgeschlossen waren.

Bielefelder Leinenkaufleute konzentrierten sich seit dem 17. Jahrhundert auf Ankauf, Bearbeitung (u.a. Bleiche) und Export der hochwertigen, feinen Leinwand. Etwa ein Drittel davon stammte aus Lippe.

Der Handel mit der einfachen Leinwand (Löwendlinnen) und mit Leingarn, wurde im wesentlichen über Herford und die Ravensberger Kleinstädte abgewickelt. Der Handel erforderte eine deutlich geringere Kapitalausstattung, entsprechend zweitrangig blieb die Position der damit befassten Kaufleute.

Die exportorientierte Grafschaft Ravensberg

Ausfahrt der Ostindiensegler: Hendrick Cornelisz. Vroom um 1630–1640
Ausfahrt der Ostindiensegler: Hendrick Cornelisz. Vroom um 1630–1640

Aus der Grafschaft Ravensberg wurde 1787/88 Leinen im Wert von kanpp 758 000 Taler ausgeführt, davon ging kaum ein Zehntel an die innerdeutschen Hauptabnehmer: das Pfälzische, das Jülisch und das Bergische Land. Der überwiegende Rest wurde aus dem Reich ausgeführt, vor allem nach England, Holland, Spanien, Portugal und weiter nach Amerika.

Hinzu kommt, dass ein beträchtlicher Teil an den Leegen und an allen staatlichen Konntrollen vorbei von den Hollandgängern mitgeführt wurde, jene Wanderarbeiter, die sich alljährlich in den Sommermonaten in der besser zahlenden niederländischen Landwirtschaft verdingten.