Leinenpatriziat Bielefeld

Woermann-Linie
Woermann-Linie

Im 17. Jahrhundert begann der Aufstieg des Bielefelder Leinengewerbes. Die Produktion von Garn und Leinwand hatte im Umland von Bielefeld ihren Schwerpunkt. Bielefeld selbst war eine Stadt des Leinenhandels. Anfangs des 19 Jahrhunderts gingen ca. 40 Leinenhändler teils Einzeln, teils in Kompagnien ihren Geschäften nach.

Leinen zu Leinen

Eine strenge Familienpolitik förderte die Exklusivität. Geheiratet wurde nach der Devise: „Leinen zu Leinen“, andere Heiraten waren nicht standesgemäß und hatten zum Teil Distanzierung der Familie und Reduzierung des Erbes zur Folge.

Die Erziehung und Ausbildung der Söhne war auf die Statuserhaltung und die Interessen der Handlung abgestellt. Sie erfolgte nach einem bestimmten Muster:

Gymnasium Bielefeld, Abgang mit der Sekunda, Eintritt in die Firma als Reisender, Aufstieg zum Teilhaber oder Verselbständigung durch den Aufbau einer eigenen Handlung, deren Grundkapital ein Teil des Erbes oder eine väterliche Schenkung war, schließlich Anfang Dreißig die Heirat einer Kaufmannstochter. Diejenigen Söhne, die nicht in den väterlichen Handel eintreten oder sich verselbständigen konnten, wurden höhere Beamte, Ärzte, Anwälte usw..

Rathaus
Rathaus

Die wirtschaftliche Macht und die gesellschaftliche Abgeschlossenheit der Kaufmannschaft entsprach ihr politischer Einfluss in der Stadt. Der Rat, zum Teil auch das Bürgermeisteramt, wurde über Jahrhunderte von den Kaufmannsfamilien besetzt. Alle Versuche der Handwerkerschaft, Einfluss auf den Rat oder die Besetzung des Bürgermeisterpostens zu gewinnen, wurden durch die Festsetzung eines hohen Wahlzensus und anderer Voraussetzungen erfolgreich erschwert. Aufgrund dieser Merkmale und Verhaltensweisen […] sprach man nicht zu Unrecht vom Bielefelder Leinenpatriziat, das der Kaufmannschaft großer Handelsstädte wie etwa Frankfurts oder Hamburgs ähnelte.

Handelshaus „Weber, von Laer und Niemann"

Gut Oberbehme: Arnold Friedrich von Laer erwarb 1826 das Gut
Gut Oberbehme: Arnold Friedrich von Laer erwarb 1826 das Gut

Den wohl bedeutendsten Leinenhandel betrieb die miteinander verwandten und verschwägerten Bielefelder Familien Weber, von Laer und Niemann.

Aus der Ehe von Gottfried Weber (1732-1797), dem Besitzer des freien Hofes „Pottenhof“ zu Bielefeld mit Margarete Louisa Woermann gingen zwei Kinder hervor.

Der erste Sohn, David Christian war Mitbegründer des Handelshauses Weber, von Laer und Niemann zu Bielefeld (1816 - 1860). Er legte damit einen Grundstein des Wohlstandes. Möglich war dies, da er Christine Wilhelmine von Laer heiratete.

Arnold Friedrich von Laer, der Vater von Christine Wilhelmine, war sowohl Kaufmann und Leinenhändler, als auch Senator und Vorsteher der Stadtgemeinde zu Bielefeld. Die von Laers gehörten schon um 1720 zu den wichtigen Leinenaufkäufer an der Bielefelder Leege. Ab 1774 waren Sie an der „Intressenschaft“ (Aktiengesellschaft der Bleichen) beteiligt. Gemessen am Steueraufkommen waren Sie 1820 die wohlhabendste Familie in der Stadt.

1861 wurde das Handelshaus planmäßig liquidiert und das Kapital in das Orlinghausener Unternehmen von Carl David Weber und teilweise in das Reederei- und Import-Exportgeschäft investiert.

Hugo Nieman gründete zusammen mit Gustav Bertelsmann 1857 ein Unternehmen zur Erstellung von Kulierwirkware. Aus gewirkten Textilien werden zum Beispiel Unterwäsche, Gardinenstoffe, Spitzen, Netze, aber auch Samt und Plüsch hergestellt. In den 80er Jahren liefert das Unternehmen Plüsch für die Eisenbahnen der USA. 96,80/o der Beschäftigten arbeiteten in Heimarbeit. Bertelsmann & Niemann hielten somit am Verlagssystem der Garn- und der Leinenproduktion fest.

Handelshaus „Woermann und Weber“

Johann Abraham Nottebohm
Johann Abraham Nottebohm

Der zweite Sohn von Gottfried Weber David Friedrich Weber gründete 1811 zusammen mit seinem Vetter Gottlieb Woermann (1780-1839) das Handelshauses „Woermann und Weber“ zu Bielefeld. Aus der Ehe mit Henriette Nottebohm gingen insgesamt 11 Kinder hervor, wobei vier Söhne ebenfalls in das Handelsgeschäft einstiegen und später auch eigene Handelshäuser gründeten.

Der Vater von Henriette Nottebohm Johann Abraham Nottebohm handelte mit Waren aller Art aber insbesondere mit Leinen aus Bielefeld. Seine Geschäftsbeziehungen reichten bis Nordamerika und Asien. Außerdem begann Nottebohm seit 1780 Kupfer und raffinierten Zucker aus England einzuführen. Von 1808 - 1813 war er Mitglied der Reichsstände im Königreich Westphalen (zunächst für das Weserdepartement, später für das Fuldadepartement).

Der aus Enger stammende Jobst Hermann Woermann ließ sich, nachdem er in Batavia als Küfer ein Vermögen verdient hatte im 18. Jahrhundert als Leinenhändler in Bielefeld nieder.

„Die Hansestadt Hamburg ruft“

Hermann Anthony Cornelius Weber
Hermann Anthony Cornelius Weber

Nach seiner Hochzeit am 12.6.1814 mit Henriette Charlotte Nottebohm übersiedelte David Friedrich Weber nach Hamburg. In einer Zeit wirtschaftlichen und politischen Wandels sah er dort bessere Chancen, um sein Geschäft und eigenen Wohlstand aufzubauen. In Hamburg, dass er von seinem Besuch der dortigen Handelsschule kannte, leitete David Friedrich Weber anfänglich die Zweigstelle der von ihm und Gottlieb Woermann gegründeten Bielefelder Firma. Bereits nach kurzer Zeit war er in Hamburg geschäftlich überaus erfolgreich, so dass er zusätzlich ein eigenes Exportgeschäft für westfälisches Leinen sowie für sächsische und schlesische Erzeugnisse, die Firma „D. F. Weber & Co.“ gründete. Diese leitete er bis zum Jahr 1839 und übergab sie dann seinem ältesten Sohn David Friedrich Weber jun. Die Firma erlosch im Jahre 1864, da man die geschäftlichen Aktivitäten seit den 1840er Jahren verstärkt auf das allgemeine Import- und Export- sowie auf das Reederei- und Bankgeschäft verlagert hatte.

Hermann Anthony Cornelius Weber wurde am 17. Dezember 1822als siebtes von elf Kindern von David Friedrich Weber und seiner Frau Henriette Charlotte, geb. Nottebohm geboren. Erstudierte in Bonn, Berlin und Heidelberg Rechtswissenschaften und war in den Jahren 1879, 1882 und 1885 erster Bürgermeister der Hansestadt Hamburg. Die Schwester von Hermann Anthony Cornelius heiratete Carl Woermann.

Die rasche Etablierung der Familie Weber in Hamburg belegt zudem die Tatsache, dass sie bereits in zweiter Generation nach ihrem Übersiedeln nach Hamburg in das Verzeichnis Hamburgische Wappen und Genealogien (1890), in das Hamburger Geschlechterbuch (1911) sowie in die Hamburgische Wappenrolle (1912) Aufnahme fand. Dies war keineswegs selbstverständlich für alle wohlhabenden Hamburger Familien.

„Weber & Cia.“

Kreuzerfregatte SMS Leipzig
Kreuzerfregatte SMS Leipzig

Eduard Friedrich Weber wurde am 19.6.1830 in Hamburg als neuntes von elf Kindern von David Friedrich Weber und seiner Frau Henriette Charlotte, geb. Nottebohm geboren.

Nach Beendigung der Lehre war Eduard Weber von 1849 bis 1850 zunächst bei verschiedenen Firmen in England beschäftigt. 1852 ging er nach Valparaiso, wo er 1856 die Im- und Exportfirma Weber, Münchmeyer & Co. gründete, die ab 1861 unter Weber & Co. firmierte und sich zu einer der größten Firmen der südamerikanischen Westküste entwickelte.

1862 kehrte er in seine Geburtsstadt Hamburg zurück und errichtete das auf Salpeter spezialisierte Handelshaus Ed. F. Weber. 1877 wurde er Konsul für die Hawaii-Inseln (bis 1902) sowie Vorsteher und Jahresverwalter der Niederländischen Armenkasse.

Um seine geschäftlichen Interessen im Salpeterhandel mit Chile zu sichern, hatte sich Konsul Weber zwischen 1879 und 1891 wiederholt aktiv an Ersuchen an den Hamburger Senat sowie an Petitionen an das Auswärtige Amt beteiligt, in denen er – federführend – gemeinsam mit zahlreichen anderen namhaften

Hamburger Firmen um Entsendung deutscher Kriegsschiffe nach Chile bat, um dort die deutschen Interessen während der chilenischen Bürgerkriege, die den deutschen Überseehandel lähmten und zu großen finanziellen Verlusten der deutschen Firmen führten, zu sichern.

Weber, Besitzer mehrerer schlesischer Güter, besaß eine bedeutende, der Öffentlichkeit zugängliche Gemäldegalerie und war einer der größten deutschen Kunstsammler seiner Zeit. Ihm gehörten insgesamt 370 Bilder. Ein Teil dieser Sammlung ging nach 1907 an die Hamburger Kunsthalle. In seinem Testament hatte Weber die komplette Gemäldegalerie der Stadt Hamburg für 2,5 Millionen Mark angeboten, diese lehnte jedoch ab. 1912 wurde der Rest der Sammlung in Berlin für insgesamt 4,4 Millionen Mark versteigert.

C. Woermann GmbH & Co.

„Haus Woermann“: Handelshaus und Reederei
„Haus Woermann“: Handelshaus und Reederei

Der mit Eleonore Weber verheiratete Carl Woermann gründete 1837 in Hamburg ein eigenes Handelsunternehmen. 1847 legte er mit dem Kauf eines ersten Schiffes den Grundstock für seine Reederei.

1849 schickte das Handelshaus Woermann ein Segelschiff mit Leinen und Töpferwaren nach Westafrika und 1854 begann man dort mit der Errichtung von Niederlassungen.

Als Carl Woermann vor 125 Jahren am 25. Juni 1880 die Augen schloss, hatte seine ausschließlich auf Afrika ausgerichtete Reederei zwölf Segelschiffe und einen Frachtdampfer in Fahrt. Darüber hinaus war er Mitbegründer (26. Februar 1870) der „Commerz- und Disconto-Bank in Hamburg“ in der Rechtsform einer Aktiengesellschaft. C. Woermann war von 1870 bis 1880 erster Aufsichtsratsvorsitzender.

In seinem ihm zur Heimat gewordenen Hamburg hatte Carl Woermann ein gewichtiges Wort mitzureden – als Aufsichtsrat der von ihm mitgegründeten Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Aktiengesellschaft (HAPAG) und der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschiffahrtgesellschaft Eggert & Amsinck (Hamburg-Süd), als eifriger Verfechter für den Zollanschluss Hamburgs, als Handelsrichter, (kirchlicher) Oberalter, Stabsoffizier der Bürgerwehr, Mitglied der Bürgerschaft und Leiter der hansestädtischen Finanzdeputation.

Notgeld der Deutschen Kolonialgesellschaft Berlin 75 Pfennig, 1921, Rückseite
Notgeld der Deutschen Kolonialgesellschaft Berlin 75 Pfennig, 1921, Rückseite

Als geschäftlich noch bedeutender ist jedoch sein Sohn und Nachfolger Adolph (1847–1911) in die Annalen über die Heimatgeschichte hinaus eingegangen. Er hatte 1884 Kamerun für das Deutsche Reich erworben und war damit maßgeblich an der kurzen Kolonialgeschichte Deutschlands in Afrika beteiligt.

Gemeinsam mit weiteren Hamburger Reedern gründete Adolph Woermann 1885 die Afrikanische Dampfschifffahrts-Actiengesellschaft (WL Woermann-Linie) mit einem Eigenkapital von 4 Mio. Mark, später war er auch Vorsitzender des Aufsichtsrats. Die Gesellschaft sollte die deutschen Kolonien mit dem Reich verbinden und beförderte in den ersten Jahren eher nebenbei auch Passagiere. Das Geld wurde jedoch im Frachtdienst verdient.

Am 11. Januar 1904 brach in Deutsch-Südwestafrika (Namibia) der Aufstand der Herero aus. Die einzige Reederei, die eine regelmäßige Verbindung nach Südwestafrika anbot, war zu dieser Zeit die Woermann-Linie. So wurden die Militärtransporte, während des Krieges insgesamt 15.000 Soldaten und 11.000 Pferde, fast ausschließlich über die Woermann-Linie abgewickelt.

Als im Reichstag im März 1906 über das Budget des Krieges debattiert wurde, deckte der Abgeordnete der Zentrumspartei Matthias Erzberger auf, dass die Woermann-Linie während des Krieges dem Reich rund 6 Millionen Reichsmark an überhöhten Frachtgeldern und unstimmigen Liegegebühren in Rechnung gestellt hatte. Damit wäre Adolph Woermann einer der größten Gewinnzieher aus dem Krieg gegen die Herero gewesen.